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Forschungsprojekte

Laufende Forschungsprojekte

Laufzeit: 1. Okt. 2016 – 31. Okt. 2018

Förderung durch die Medizinische Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Leitung: Prof. Dr. med. Karl-Heinz Leven
Bearbeitung: Dr. Susanne Ude-Koeller, Philipp Rauh MA, Andreas Thum MA
Konzeptionelle Beratung: Prof. Dr. Renate Wittern-Sterzel

Das Projekt „275 Jahre Medizinische Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg“ thematisiert die Medizinische Fakultät in ihrer chronologischen Entwicklung und Struktur, mit Blick auf die handelnden Personen und Interessen, die wissenschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Zeit des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Systematisch werden auch sämtliche heute an der Medizinischen Fakultät vertretenen Fächer in ihrer historischen Genese und Expansion dargestellt. Als Ergebnis des Projekts wird zum Dies academicus des 275jährigen Geburtstages (4. Nov. 2018) eine umfangreiche einbändige Darstellung vorgelegt.

Leven, K.-H./Rauh P./Thum A./Ude-Koeller S. (Hg.): Die Medizinische Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Kontext-Köpfe-Kontroversen (1743-2018). Böhlau: Köln, Weimar, Wien 2018.

Laufzeit: ab 1. Oktober 2014
Anschubfinanzierung: Forschungsstiftung Medizin am Universitätsklinikum Erlangen (1.10.-15.11.2014)
Förderung: Staedtler-Stiftung, November 2014-Juli 2015, Bezirk Mittelfranken 2015,
Finanzierung ab 1.10.2019, Bezirk und Bezirkskliniken Mittelfranken, Universität und Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg, Stadt Erlangen
Leitung: Karl-Heinz Leven
Bearbeiterinnen: Sabrina Hartl, Susanne Ude-Koeller, Marion Voggenreiter

Aus der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt wurden 908 Patienten in den Jahren 1940/41 in „Tötungsanstalten“ gebracht und dort ermordet. Wie viele Patienten ab 1942 in der Erlanger Anstalt durch gezielte Verabreichung der sogenannten „B-Kost“ qualvoll verhungerten, ist unklar.

Das Projekt arbeitet die NS-„Euthanasie“ in Erlangen erstmals umfassend wissenschaftlich auf, indem die nationalsozialistische Gesundheitspolitik im klinischen, kommunalen und regionalen Kontext erfasst wird. Das Vorhaben mit dem Stadtarchiv Erlangen entwickelt, erschließt bislang nicht ausgewertete Quellenbestände, untersucht die unterschiedlichen (Tat-)Beiträge aller beteiligten medizinischen und kommunalen Akteure/Instanzen und stellt weiterhin auch die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen in den Mittelpunkt. Die Forschungsergebnisse werden in einer umfassenden Dokumentation veröffentlicht.


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Laufzeit: seit Januar 2014
Förderung durch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Leitung: Fritz Dross
Bearbeiter: PD Dr. med. Wolfgang Frobenius, Dr. phil. Ulrike Thoms (1. Januar 2014 – 30. September 2014), stud. phil. Andreas Thum, stud. med. Claudia Beck

Das Forschungsprojekt beleuchtet die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie (DGG) während der nationalsozialistischen Diktatur. Im Zentrum steht der Organismus der Gesellschaft als Vermittler zwischen den Zielen der nationalsozialistischen Gesundheits- und Rassenpolitik, den darin involvierten staatlichen Behörden und Parteieinrichtungen und der verfassten Ärzteschaft, wie sie seitens der DGG insbesondere durch deren Tagungen und deren Publikationen greifbar wird. Von Interesse ist dabei zum einen der Vorgang der Anpassung der Gesellschaft an die neuen Machtverhältnisse und die frühzeitig akzentuiert geäußerten gesundheits-, standes- und rassepolitischen Maßgaben („Gleichschaltung“), sodann das Agieren der Vorstände als Kommunikationskanäle der Reichsleitung innerhalb der Ärzteschaft wie auch umgekehrt als Vertreter fachärztlich-gynäkologischer Interessen in den einschlägigen Reichsarbeitskreisen (RAG Mutter und Kind). Deutlich wird dies an der Organisation und Durchführung der großen Tagungen der DGG in den Jahren 1933, 1935, 1937 und 1941, sowie an den Publikationen der DGG, dem Archiv für Gynäkologie sowie dem Zentralblatt für Gynäkologie. Daneben und dies ergänzend sind biographische Skizzen der wichtigsten Beteiligten zu erarbeiten, ausdrücklich auch über die jeweiligen Vorsitzenden hinaus. Besondere Aufmerksamkeit wird sodann den aus rassistischen und/oder politischen Gründen verdrängten und vertriebenen Mitgliedern der DGG gelten. Abgeschlossen werden die Forschungsarbeiten mit einer Buchpublikation, die zum DGGG-Kongress 2016 vorgelegt wird.

Fritz Dross, Andreas Thum, Wolfgang Frobenius: „Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus. Teil 4: Nach Diktatur und Krieg: Klagen und Verdrängen„, in: Der Frauenarzt 58 (2017), Nr. 4, S. 426-430.

Andreas Thum, Wolfgang Frobenius, Fritz Dross: „Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus. Teil 3: Die Ausgrenzung der „jüdischen“ Mitglieder – nur scheinbare Zurückhaltung„, in: Der Frauenarzt 58 (2017), Nr. 4, S. 342-345.

Wolfgang Frobenius, Andreas Thum, Fritz Dross: „Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus. Teil 2: Die Zwangssterilisationen im Spiegel der Kongresse – nur einmal auf Konfrontationskurs zum NS„, in: Der Frauenarzt 58 (2017), Nr. 3, S. 252-256.

Wolfgang Frobenius, Andreas Thum, Fritz Dross: „Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus. Teil 1: „Revolutionszeiten aber sind Gebärzeiten hart, schwer, erschütternd und schmerzvoll“„, in: Der Frauenarzt 58 (2017), Nr. 2, S. 157-160.

Fritz Dross, Wolfgang Frobenius, Andreas Thum: Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus – ein Forschungsbericht, in: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 77 (2017), Nr. 2, S. 192–200. Link zum Volltext

Fritz Dross, Wolfgang Frobenius, Andreas Thum und Alexander Bastian, unter Mitarbeit von Ulrike Thoms: „‚Ausführer und Vollstrecker des Gesetzeswillens‘ – die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus“, in: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 76 (2016), Supplement, hg. v. Thomas Dimpfl, Diethelm Wallwiener und Fritz Dross – im Auftrag der DGGG. Link zum Volltext

Thomas Dimpfl, Fritz Dross: Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus, in: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 76 (2016), Nr. 10, S. 1017–1018. Link zum Volltext

Wolfgang Frobenius, Ulrike Thoms, Fritz Dross: Mühsame Spurensuche in fremden Archiven, in: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 74 (2014), Nr. 9, S. 801-802. Link zum Volltext

Laufzeit: seit Oktober 2008
Förderung durch: Forschungskommission der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg
Leitung: Karl-Heinz Leven

Im Mittelpunkt des Projekts „Galen: Handbuch und Repertorium der galenischen Schriften“ stehen das Wirken und die medizinischen Werke des griechischen Arztes Galen aus Pergamon (129 – ca. 210 n. Chr.), des bedeutendsten Arztes der römischen Kaiserzeit; sein Werk ist das umfangreichste überlieferte eines antiken Autors überhaupt (ca. 20.000 Seiten in der modernen Ausgabe). Die Wirkung Galens („Galenismus“) prägte die Spätantike, durchzog interkulturell das gesamte Mittelalter (Byzanz, arabisch-islamische Welt, lateinischer Westen), war entscheidend für die Renaissancemedizin im 16. Jahrhundert und reichte bis weit in die Neuzeit.

Gegenwärtig wird der Band „Galen aus Pergamon – Medizin und Philosophie in der römischen Kaiserzeit“ redigiert; er enthält die Beiträge des gleichnamigen internationalen Symposiums, das am 17. und 18. Oktober 2013 in Erlangen stattfand (Bearbeiterin: Manina Krämer, M.A.).

Bearbeiterin: Nadine Metzger
Laufzeit: seit 2000

Die medizinischen Compendia (Sammelwerke) der spätantiken und frühbyzantinischen Zeit (4.-8. Jh. n.Chr.) haben bis heute in der Forschung nur wenig Aufmerksamkeit erfahren, da die Autoren der Sammelwerke (Oreibasios, Aetios, Paulos von Aigina, Paulos Nikaios, Alexander von Tralles) hauptsächlich als galenische Epigonen wahrgenommen wurden. Allerdings gehen die Compendia gerade im Bereich der Psychopathologie über das galenische Vorbild hinaus, da sie sowohl von Galen nicht beschriebene Krankheiten (Lykanthropie, Ephialtes) als auch von diesem unabhängige Quellen beinhalten (Poseidonios Medicus). Eigene Zutaten werden ebenso zu dem vorgefundenen Material gefügt, wie auch neue Einteilungssysteme der Kopfkrankheiten entworfen.

Zusammen mit nicht-medizinischen Quellen für den weiteren kulturellen Kontext kann beobachtet werden, wie sich die medizinische Wahrnehmung der Geisteskrankheiten mit den fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen der Spätantike und der frühen byzantinischen Zeit entwickelt. Die medizinischen Compendia transportieren Bedeutung in ihrem jeweiligen historischen Kontext, der weit über ihre tradierten Inhalte hinausgeht. Entwicklungen dieser Zeit wirken prägend für die weitere Rezeptionsgeschichte der betreffenden Krankheiten.

„Not a Daimon, but a Severe Illness“. Oribasius, Posidonius and Later Ancient perspectives on superhuman agents causing disease, in: Mental Illness in Ancient Medicine. From Celsus to Caelius Aurelianus, hrsg. v. Peter Singer und Chiara Thumiger, Leiden: Brill 2018.

„Kynanthropy. Canine Madness in Byzantine Late Antiquity”, in: History of Psychiatry 26 (2015), S. 318–331.

„Dämon oder Krankheit? Der Alpdruck in der frühbyzantinischen Medizin“ in: Gottes Werk und Adams Beitrag. Formen der Interaktion zwischen Mensch und Gott im Mittelalter, hrsg. v. Th. Honegger et al., Berlin: Akademie Verlag, 2014, S. 31–42.

„Paulos Nikaios‘ Exzerptionstechnik bei den melancholischen Krankheiten“, in: Galenos 7 (2013), S. 111–132.

„Zwischen Mensch und Wolf. Zur Lykanthropie in der spätantiken Medizin“, in: Les Études Classiques 80 (2012). 30 Jahre Arbeitskreis Alte Medizin in Mainz. Beiträge der Tagung 2010, hrsg. v. K.-D. Fischer, S. 135–156.

„Incubus as an Illness. Taming the Demonic by Medical Means in Late Antiquity and Beyond“, in: The Devil in Society in Premodern Europe, ed. by Richard Raiswell with Peter Dendle, Toronto: Centre for Reformation and Renaissance Studies 2012, S. 483–510.

Laufzeit: ab 1. Juli 2013
Förderung durch: DFG
Leitung: Karl-Heinz Leven
Bearbeiter: Philipp Rauh

Für keine Berufsgruppe übte die nationalsozialistische Ideologie eine derartige Faszination aus wie für die Ärzteschaft – und kaum eine Profession hat die nationalsozialistische Vernichtungspolitik so geprägt wie die Mediziner (Schmuhl 1990, Kater 2000). Die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern als Ärzte tätigen SS-Mediziner bilden eine Kerngruppe der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Genozidpolitik. Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich die medizinhistorische Forschung in Deutschland und international intensiv dem Thema NS-Medizin gewidmet. Gleichwohl steht eine systematische, historisch-empirische Untersuchung der Gruppe der SS-Ärzte in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des NS-Staates nach wie vor aus (Keller 2003, Dirks 2006).
Das Erlanger Forschungshaben widmet sich der gruppenbiographischen Erforschung der rund 130 SS-Mediziner (Klee 1997), die von 1934 bis 1945 als Standort- oder Lagerärzte in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern tätig waren.
Ausgehend vom aktuellen Stand der Täterforschung (Paul 2002, Welzer 2005, Kramer 2006, Longerich 2007) werden die SS-Mediziner in den Konzentrationslagern als eine Gruppe von eigenständig handelnden Individuen untersucht, die ihrerseits im Kontext der Personalpolitik des SS-Sanitätswesens, der Gesamtentwicklung des KZ-Systems sowie der Dynamik des Krieges zu sehen ist. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist, ob es einer zusätzlichen Militarisierung oder Ideologisierung oder eines SS-spezifischen Utilitarismus innerhalb der Medizin im Nationalsozialismus bedurfte, um die medizinischen Verbrechen in den Konzentrationslagern zu ermöglichen.
Die Analyse der Gruppe der KZ-Ärzte kann zur Beantwortung dieser Frage beitragen, indem sie die Profile der SS-Mediziner in den Konzentrationslagern, deren Netzwerke und ihre Motive, als Standort- und Lagerärzte tätig zu werden, herausarbeitet. Die Frage nach der „Normalität“ der SS-Medizin kann nicht ohne eine Antwort auf die Frage nach der „Normalität“ der SS-Mediziner beantwortet werden.
Das Forschungsvorhaben verbindet in innovativer Weise sozialstrukturelle Analysen mit qualitativen Untersuchungen zu einzelnen KZ-Ärzten. Es werden in dieser Studie somit quantitative mit qualitativen Untersuchungsmethoden verknüpft. Ein solches Vorgehen nimmt Bezug auf die neueren Ansätze der Kulturgeschichte, die einen früher wahrgenommenen Gegensatz dieser beiden wissenschaftlichen Herangehensweisen überwunden hat (Braun 2009).

 

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Laufzeit: 1. Okt. 2013 bis 4. Nov. 2015
Förderung durch: Förderung durch: Universitätsklinikum Erlangen
Leitung: Karl-Heinz Leven

Zum 200jährigen Geburtstag des Universitätsklinikums Erlangen im Herbst 2015 wird eine Gesamtdarstellung der Geschichte vorgelegt; die Chronologie der Entwicklung aus kleinen, eher improvisierten Anfängen zum modernen Großklinikum ist ebenso Thema wie die Entwicklung der medizinischen Einzelfächer, die Abfolge bedeutender Fachvertreter, Innovationen und die bauliche Entwicklung. Besonderes Augenmerk wird auf die Erlanger Universitätsmedizin im 20. Jahrhundert gerichtet, inklusive der NS-Zeit. Das Buch entsteht in einer Kooperation des Lehrstuhls für Geschichte der Medizin und des Universitätsarchivs.

Leven, K.-H./Plöger, A. (Hg.): 200 Jahre Universitätsklinikum Erlangen, 1815-2015. Böhlau: Köln, Weimar, Wien 2016, S. 12-18.

Medizinhistorisches Habilitationsvorhaben
Bearbeiter: Fritz Dross
Laufzeit: 2008-2010

Die 1394 angeregte Stiftung dreier Nürnberger Patrizierinnen zur Versorgung fremder, nicht in der Reichsstadt mit Bürger- oder Einwohnerrechten versehener Aussätziger für drei Tage in der Karwoche existierte über gut 250 Jahre. Im 15. Jahrhundert fanden sich in der Karwoche regelmäßig einige Hundert, im 16. Jahrhundert zeitweilig mehrere Tausend fremde Aussätzige in der Reichsstadt ein, während nürnbergische Aussätzige in vier Siechköbeln außerhalb der Stadt ganzjährig verpflegt wurden. Nürnberg nimmt damit eine herausragende Stellung in der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Aussätzigenfürsorge ein, deren konzise Darstellung auch in der neuesten internationalen Forschungsliteratur als Desiderat angemahnt wird.

BearbeiterInnen: Fritz Dross und Annemarie Kinzelbach
Laufzeit: Oktober 2009 bis Oktober 2010
Förderung: Staedtler-Stiftung

Obwohl sich die historische Forschung insbesondere mit den mittelalterlichen Leprahospitälern bereits intensiv befasst hat, steht deren Einordnung in den Kontext der Entwicklung von (städtischer) Gesundheitspolitik erst im Anfangsstadium. Gleichzeitig ist wenig bekannt über die isolierten Kranken und die Verhaltensweisen und Strategien der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Insbesondere wurde die Gruppe der vagierenden Aussätzigen bislang nicht untersucht, obwohl diese vermutlich den größeren Anteil der Aussätzigen bildeten. Um diese – quellenmäßig besonders schwer zu fassende – Gruppe analysieren zu können, will das Projekt umfassende Archivstudien in den Überlieferungen schwäbischer und fränkischer Reichsstädte unternehmen.

In dem Projekt werden Quellenbelege für Aussätzige und v. a. vagierende Aussätzige in ausgewählten süddeutschen Reichsstädten gesichtet und zusammengestellt, um die Quellenbasis für Aussagen über Zahlen, Strategien und Verhaltensweisen dieser Gruppe zu schaffen. Damit kann auch die Reichweite der städtischen Gesundheitspolitik in statu nascendi neu bewertet werden. Angestrebt wird hierbei, einerseits die Strategien und Wanderungsbewegungen der betroffenen Kranken besser zu verstehen und diese andererseits in den Kontext der (städtischen) Gesundheitspolitik einzuordnen. Die schwäbischen und fränkischen Reichsstädte eignen sich nach ihrer Überlieferungsstruktur, aber auch nach ihrer bereits zeitgenössischen Vernetzung in Fragen der Seuchenprophylaxe und Bettlerpolitik besonders für ein solches Vorhaben.

Leitung: Marion Maria Ruisinger
Laufzeit: 2008-2013
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (RU 1555/2-1)
Das Projekt ist Teil des von der DFG geförderten Forschungsverbundes „Ärztliche Praxis im 17.-19. Jahrhundert“ (Sprecher: Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg, Würzburg).

Das Projekt basiert auf den in der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg aufbewahrten Praxisaufzeichnungen des Nürnberger Arztes Johann Christoph Götz (1688-1733). Die sieben, überwiegend lateinischsprachigen Jahresbände umfassenden den Zeitraum von 1716 bis 1726.

Vorgesehen ist eine datenbankgestützte Analyse, die sich der Organisation, der Patientenschaft und den Wissensbeständen der Praxis Götzes widmet. Da es sich um eine in der Etablierung befindliche Praxis handelt, ist insbesondere nach der Entwicklung der genannten Aspekte und den jeweils wirksamen Faktoren für Erfolg und Misserfolg zu fragen. Die Einbeziehung der, in den ärztlichen Aufzeichnungen zwangsläufig nur indirekt greifbaren, Patientenperspektive soll durch die Ausarbeitung einzelner, besonders dicht belegter Kasuistiken zu „Patientengeschichten“ erreicht werden.

Den Kontext für die Interpretation der Befunde bildet zum einen das früh ausdifferenzierte Medizinalwesen der Freien Reichsstadt Nürnberg, zum anderen die Zugehörigkeit Götzes zu dem wissenschaftlich ambitionierten und publizistisch aktiven Kreis um den Nürnberger Arzt, Botaniker und Wissenschaftskommunikator Christoph Jacob Trew.

Leitung: Karl-Heinz Leven
Laufzeit: 2011 bis 2013
Förderung: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V.

Die Leistungsmedizin avancierte im „Dritten Reich“ zu einer der gesundheits- und auch sozial- wie arbeitspolitischen Säulen des NS-Regimes. Die dahinter stehende Leitidee zielte auf die größtmögliche Ausnutzung der individuellen Arbeitskraft ab. Das Projekt analysiert das Wirken von E.W. Baader, einer prägenden Gestalt der Gewerbehygiene und Arbeitsmedizin von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die Bundesrepublik im Kontext der politisch-ideologischen und kulturellen Entwicklung. Hierbei geht es um die wissenschaftliche Leistung Baaders, seine Handlungsspielräume insbesondere in der NS-Zeit, seine Beziehungen zu vertriebenen jüdischen Fachkollegen, seine Aufbauarbeit in den frühen Jahren der Bundesrepublik und das komplexe Thema der „Vergangenheitsbewältigung“. Insgesamt erstrebt das Projekt auf der Basis bislang nicht berücksichtigter archivalischer Quellen ein neues Bild der Entwicklungsjahre der deutschen Arbeitsmedizin.

Die Forschungsergebnisse liegen nunmehr als Monographie vor, Rauh, P./ Leven, K.-H. „Ernst Wilhelm Baader (1892-1962) und die Arbeitsmedizin im Nationalsozialismus„, Frankfurt am Main 2013, 257 S.

XII. deutsch-polnische Gemeinschaftstagung für Geschichte der Medizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 18.-20. September 2009
Organisation: Ute Caumanns (Universität Düsseldorf, Geschichte und Kulturen Osteuropas), Fritz Dross

Als absichtsvoller und begründeter Angriff auf Gesundheit und Existenz von Individuen und Gruppen stellt der Krieg nur auf den ersten Blick eine Antithese zur Medizin dar. Die Heilkunde lieferte stets auch kriegswichtige Expertise: von Schutzmaßnahmen gegen Verletzung und Verwundung über die Steigerung, den Erhalt und die Wiederherstellung der soldatischen Kriegstauglichkeit bis zu Kenntnissen, wie sie in der biologischen Kriegsführung eingesetzt wurden.

Vor dem Hintergrund des 70. Jahrestags des deutschen Angriffs auf Polen am 1. September 1939 und dem damit erfolgten Beginn des Vernichtungskriegs ergibt sich eine besondere Verantwortung für das deutsch-polnische Gespräch in diesem Zusammenhang.

Die Tagung „Medizin und Krieg in historischer Perspektive“ nähert sich dem Thema mit 40 Beiträgen in deutscher und polnischer Sprache. Sie deckt chronologisch den Zeitraum vom 16. bis ins 20. Jahrhundert ab und präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse aus verschiedenen historischen Disziplinen von Historikerinnen und Historikern aus fünf Ländern.

Ute Caumanns, Fritz Dross, Anita Magowska (Hg.): Medizin und Krieg in historischer Perspektive / Medycyna i wojna w perspektywie historycznej, Frankfurt a. M. 2012.

Leitung: Fritz Dross
Laufzeit: Mai 2009 – Oktober 2012
Bearbeiter/innen: PD Dr. Wolfgang Frobenius, Dr. phil. Annemarie Kinzelbach, stud. phil. Andreas Thum, stud. med. Tina Maler, Sigrid Benn
Das Forschungsprojekt hatte die Aufgabe, zum 100jährigen Jubiläum der Gründung der Bayerischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde (BGGF) im Jahr 2012 die Geschichte dieser regionalen fachärztlichen Gesellschaft zu erforschen und darzustellen. Von herausragender Bedeutung war die Analyse des Archivs der BGGF, das – im Unterschied zu den meisten Archiven fachärztlicher Gesellschaften – erhalten ist (wenn auch nicht ohne Verluste) und der Forschung zur Verfügung steht. Der zum Abschluss vorgelegte Band mit 17 Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren nimmt eine regionale, nämlich die bayerische, Perspektive ein und versucht, allgemeinere Entwicklungen in der Region unter ihren spezifischen historischen Bedingungen nachzuzeichnen. Besonderes Augenmerk gilt den Wechselwirkungen zwischen Medizin und Gesellschaft, Geburtshilfe und Mutterschaft, Frauenheilkunde und Frauenbild in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. In diesem Rahmen wird insbesondere ein Blick auf die Rolle der BGGF und ihrer Mitglieder im Nationalsozialismus geworfen.

Wolfgang Frobenius, Annemarie Kinzelbach, Fritz Dross: „Die bayerischen Gynäkologen und ihre Fachgesellschaft im Nationalsozialismus“, in: Matthis Krischel, Mathias Schmidt, Dominik Groß (Hg.), Medizinische Fachgesellschaften im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven, Berlin 2016, S. 115-127.

Wolfgang Frobenius, Annemarie Kinzelbach, Christoph Anthuber, Fritz Dross: German gynecologic societies investigating their Nazi past, in: Archives of Gynecology and Obstetrics 290 (2014), Nr. 5, S. 925–928. Link zum Volltext

Christoph Anthuber, Fritz Dross, Wolfgang Frobenius: „Ein Anfang ist gemacht! 100 Jahre BGGF: Bilanz eines für die Frauenheilkunde bisher einmaligen Forschungsprojekte“, in: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 73 (2013), Nr. 9, S. 941–943. Link zum Volltext

Christoph Anthuber, Matthias W. Beckmann, Johannes Dietl, Fritz Dross, Wolfgang Frobenius (Hg.): Herausforderungen. 100 Jahre Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Stuttgart: Thieme 2012

Inhaltsverzeichnis zu folgenden Beiträgen

  • Fritz Dross, Wolfgang Frobenius: Herausforderungen: 100 Jahre Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde – zur Einführung, S. 1–6
  • Annemarie Kinzelbach: Die Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Eine Organisation von Fachärzten im historischen Kontext, S. 7–35.
  • Marion Maria Ruisinger: „Erlaubt ist, was neu, was anregend, was interessant ist“. Gynäkologische Forschung im Zeichen der Mikrobiologie, S. 36–46.
  • Renate Wittern-Sterzel: Frauenärztinnen in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, S. 47–59.
  • Wolfgang Frobenius: „Gestern habe ich zum letzten Mal ein Messer angefasst!“ Die Strahlentherapie auf den BGGF‐Tagungen von 1912 bis 1939, S. 60–86.
  • Wolfgang Uwe Eckart: Frau und Frauenheilkunde im Nationalsozialismus. Anmerkungen zum Themenfeld, offene Fragen, S. 87–94.
  • Fritz Dross: “Von den Juden, die nicht mehr in der Gesellschaft sein dürfen…“ – „Gleichschaltung“ und „Arisierung“ am Beispiel der BGGF, S. 95–114.
  • Wolfgang Frobenius: BGGF‐Ehrenmitglieder und das „Dritte Reich“, S. 115–137.
  • Gabriele Czarnowski: Österreichs „Anschluss“ an Nazi-Deutschland und die österreichische Gynäkologie, S. 138–148.
  • Wolfgang Frobenius: Die Wiederbesetzung der gynäkologisch-geburtshilflichen Lehrstühle in Bayern nach 1945, S. 149–185.
  • Hans-Georg Hofer: Der Frauenarzt und die Sterilität des Mannes: Über das Verhältnis von Gynäkologie und Andrologie in den 1950er-Jahren, S. 186–196.
  • Astrid Ley: Die Debatte um ein neues Sterilisationsgesetz in der Bundesrepublik. Zur Geschichte einer erfolglosen ärztlichen Forderung, S. 197–205.
  • Florian Bruns: Die Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens – ein ethisches Problem aus historischer Sicht, S. 206–216.
  • Eva-Maria Silies: Zwischen medizinischer Notwendigkeit und moralischem Urteil. Die bundesdeutsche Ärzteschaft, die BGGF und die Durchsetzung der Pille in den 1960er-Jahren, S. 217–226.
  • Marion Schumann: Die Institutionalisierung der Geburten in der Bundesrepublik 1950 bis 1975. Auswirkungen auf den Hebammenberuf, S. 227–236.
  • Manfred Stauber: Vergangenheitsbewältigung in der bayerischen Gynäkologie – Erfahrungen an der I. Universitätsfrauenklinik München, S. 237–256.
  • Christoph Anthuber: Die Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde e. V. (BGGF) – Gedanken zur Zukunft, S. 257–264.